Entwicklung

Die Reifung der Sinne

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 5./6. Schwangerschaftsmonat

Es gluckert, pocht und rauscht im Mutterleib, die Geräusche sind sogar ziemlich laut. Das Ungeborene bekommt Verdauung, Herzschlag und Atmung nun hautnah mit, denn ab etwa der Hälfte der Schwangerschaft beginnt es zu hören. Aber welchen Sinn hat das?

Das Hörsystem des Kindes muss sich schon im Mutterleib entwickeln, um auf die Anforderungen nach der Geburt vorbereitet zu sein. Denn, so der Neurologe und Musiker Eckart Altenmüller, das Hören ist eine hochentwickelte und komplizierte Leistung unserer Sinne, für die frühzeitig entsprechende Nervenverbindungen und Netzwerke aufgebaut werden müssen. „Hören ist nicht wie ein Mikrofon, das nur etwas abbildet, sondern es erschafft eine akustische Welt“ – sogar schon für das Ungeborene (s. a. Interview).

Lied "Taler, Taler, du musst wandern" anhören

Jedes Hören löst Nervenimpulse aus, die an das Hirn weitergeführt und dort an mehrere Schaltstationen umgeleitet werden, aber erst die entsprechenden Netzwerke im Nervensystem verwandeln diese Signale zu einem Höreindruck. In Zahlen heißt das: Der Hörreiz einer einzigen Sinneszelle im Innenohr wird von 60 Millionen Nervenzellen bearbeitet!
 

Ein System wird aufgebaut

Dafür hat unser Hörsystem Millionen von Jahren gebraucht. Eine Vorform unseres Ohrs und Gleichgewichtsorgans erkennen wir an Fischen. Mit ihrem Seitenlinienorgan, einer Art Trommelfell, können sie Bewegungen, Richtungs- und Lautstärkenveränderungen im Wasser wahrnehmen.

Wer sich die Entwicklung der Arten in den letzten 600 Millionen Jahren in einem Zeitraffer vorstellt, sieht Folgendes: Das Trommelfell wandert in Richtung Kopf und stülpt sich dort ein, nach und nach entwickeln sich der äußere Gehörgang und das Mittelohr, die Hörschnecke im Innenohr und schließlich das Gleichgewichtsorgan.

Lied "Suse, liebe Suse (Eia popeia)"anhören

Diese Entwicklung des Ohrs macht jeder menschliche Fetus ganz am Anfang seiner Entwicklung durch. Aber schon ab etwa der dritten Schwangerschaftswoche baut sich die Hörschnecke auf, die ersten Sinneszellen einige Wochen später, und einige weitere Wochen dauert es, bis Sinneszellen und Nervenzellen miteinander verbunden sind.

Hören lernen für später

Davon abgesehen hören Ungeborene anders als Erwachsene. Zunächst nehmen sie vor allem tiefe Töne wahr, nach und nach können sie auch höhere Frequenzen hören. Außerdem sind ihre Nerven zwischen Innenohr und Gehirn noch nicht voll ausgereift. Welchen Höreindruck Ungeborene also von all dem Gluckern und Klopfen um sie herum – oder von der Stimme der Mutter – haben, lässt sich nicht sagen.

Lied "Schlaf in guter Ruh" anhören

Sicher ist aber, dass das heranwachsende Kind auf Höreindrücke reagiert und dass sich ihm immer wiederkehrende Geräusche und Hörmuster, etwa Gesang und Sprache, einprägen. Der Neurologe und Musikermediziner Eckart Altenmüller spricht hier von statistischem Lernen. „Die dazugehörigen Nervenverbindungen entstehen unter dem ständigen Einfluss dieser Geräusche, zu denen auch die Stimme der Mutter gehört. Das erklärt auch, warum Kinder nach der Geburt genau diese Geräusche bevorzugen: weil sie sie im Mutterleib erlernt haben.“

 

Eckart Altenmüller erforscht die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn. An der Staatlichen Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover leitet er das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin.

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von Liederprojekt.org, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 5./6. Schwangerschaftsmonat