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Viel mehr als nur Lärm: Schreimelodien des Säuglings

Dieser Artikel gehört zu Elterninfo 1 Monat

Es schläft, es trinkt, es schreit. Ein Baby erfasst die Welt zwar von Anfang an mit allen Sinnen, aber gerade in den ersten Wochen scheint es nur zwei Reaktionen darauf zu kennen: Ruhe oder eben Schreien. Wir empfinden dieses Geschrei entweder als Alarmsignal – wo bleiben bloß die Eltern? – oder schlicht als Lärm. Wer denkt da schon an Musik?

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Wenn Ihr eigenes Kind schreit, klingen Ihnen die Ohren, denn dieses Geschrei ist so voller Bedürfnisse und Emotionen: Hunger, Schmerzen, Einsamkeit, Müdigkeit, Angst – und natürlich wollen Sie Ihrem Kind helfen und sein Weinen so schnell wie möglich beenden. Selbst das Geschrei fremder Kinder, etwa im Nachbarhaus oder im Restaurant, lässt uns nicht kalt. Nicht nur, weil es laut und damit störend ist, sondern auch, weil so viel darin mitschwingt. An Musik erinnert es uns aber sicher nicht.

Lied "Widele, wedele" anhören

Dabei gibt es im Babygeschrei klare musikalische Merkmale, betont Kathleen Wermke, die seit Jahrzehnten die frühe Sprachentwicklung von Kindern erforscht: „Es klingt vielleicht etwas seltsam, dass man Melodien im Säuglingsschreien hört, wenn man eigentlich am liebsten hätte, dass das Weinen aufhört. Aber wenn wir es uns akustisch anschauen, dann ist es schon ein Auf- und Absteigen von Tönen, so zu sagen ein Glissando.“

Die Schreimelodie des Säuglings bleibt auch nicht gleich, sondern verändert sich schon in den ersten Wochen nach einem bestimmten System: „Die Neugeborenen schreien vor allem mit einer einfachen auf- und absteigenden Melodie, aber dann werden daraus zum Beispiel Doppelbögen, Dreierbögen, und wir haben typische Tonintervalle, die wir ausmachen können, ähnlich wie in der Musik.“

Kein Säugling klingt wie der andere

Diese nach bestimmten Regeln verlaufende Lautveränderung von Geburt an ist typisch menschlich. Noch nicht einmal andere Primaten wie zum Beispiel Schimpansen bilden ihre Stimme schon so früh so gezielt aus. Aber wozu brauchen Säuglinge diese Fähigkeit?

Säuglinge können noch keine Sprachlaute erzeugen. Auch ihr Mienenspiel und ihre Bewegungsfähigkeit sind noch eingeschränkt und verfeinern sich erst Lauf des ersten Lebensjahres. Sie haben aber eine sehr wirksame Möglichkeit, einen Wunsch, eine unangenehme Stimmung oder Schmerzen kundzutun: indem sie differenziert schreien. Also verändern sie intuitiv ihre Schreimelodien und die Intensität ihres Schreiens.
So entstehen verschiedene Ausdrucksnuancen: Ihr Kind schreit anders, wenn es Schmerzen hat, als wenn es einfach „nur“ müde ist oder Ihre Nähe sucht. Das Schreien ist die früheste akustische Kommunikationsform Ihres Kindes, eine erste Vorstufe zum Sprechen und zur späteren Sprache.

Und jedes Kind klingt anders, weiß Kathleen Wermke: „Jede Mutter hört recht schnell nach der Geburt ihr eigenes Baby heraus, wenn verschiedene Babys weinen. Auch Krankenschwestern auf der Geburtsstation können einzelne Kinder ziemlich schnell am Weinen erkennen.“ Der persönliche Stimmklang eines Kindes ist Teil der besonderen Bindung zwischen Eltern und Kind.

Verständigung zwischen Eltern und Kind

Umgekehrt erfassen Babys intuitiv die Stimmen und Stimmungen ihrer Umgebung. Klingen Mutter oder Vater fröhlich, gespannt oder gar zornig? Auch verschiedene Sprachen können Neugeborene an Rhythmus und Sprachmelodie erkennen.
Selbst wenn die Eltern regelmäßig zwei verschiedene Sprachen benutzen, kann das Kind sie voneinander unterscheiden. Denn Hören und Schreien oder (später) Sprechen des Kindes sind eng aneinander gekoppelt. Nur wenn Babys ihre eigene Stimme hören und die Reaktion ihrer Umwelt darauf wahrnehmen können, lernen sie Laute und schließlich Wörter zu bilden.

Lied "Ljulja, ljulja, ljuska" (Serbien) anhören

Auch wenn das Geschrei also für Sie und Ihre Umgebung oft anstrengend sein kann: für Ihr Kind ist es eine stimmliche und kommunikative Höchstleistung und die einzige Möglichkeit, den Umgang mit seiner Stimme zu erlernen.

Kathleen Wermke wünscht sich daher, dass Eltern das Schreien ihres Babys vor allem als natürliche Stufe seiner lautsprachlichen Entwicklung auffassen, bevor es erste Gluckser oder Gurrlaute von sich gibt: „Ich glaube, dass wir den kindlichen Bedürfnissen damit gerechter werden, als wenn wir denken, das Weinen oder Schreien sei Lärm, den man möglichst schnell abstellen sollte.“

Und sie rät dazu, im Umgang mit dem Kind schon in der ersten Lebenszeit auf Stimm- und Sprachkultur zu achten: „Säuglinge unterscheiden noch nicht danach, ob Melodie und Rhythmus vom Sprechen oder vom Singen kommen. Wenn Eltern singen, dann ist das für das Kind sogar noch wirkungsvoller, als wenn sie vergleichsweise monoton sprechen, auch bei Eltern, die denken, dass sie unmusikalisch seien.“

Lied "Schlaf, Kindelein, süße" anhören

Ausgeprägte melodische Variationen beim Sprechen oder das Singen von Kinderliedern sind wirkungsvolle Methoden, um den Säugling nicht nur zu erfreuen, sondern ihn gleichzeitig auch in seiner Lautentwicklung zu fördern. Versuchen Sie vielleicht einmal die melodisch-rhythmischen Variationen im Weinen Ihres Säuglings in verschiedenen Situationen wahrzunehmen und erfreuen Sie sich an Tonintervallen, Dreiklängen oder melodischen Variationen.

Professor Dr. Kathleen Wermke ist Leiterin des von ihr aufgebauten Zentrums für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen am Universitätsklinikum Würzburg.

 

Literaturhinweise:
Wermke, K. & Mende, W.: Am Anfang war die Melodie – Wie Babys ihre Muttersprache erlernen. In: Lehmann, A. C., Jeßulat, A. & Wünsch, C. (Hg.), Kreativität, Struktur und Emotion. Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg, 2013, 41-49

 

Liedbeiträge mit freundlicher Genehmigung von LIEDERPROJEKT.ORG, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2

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